075 - Der Tod – Neubeginn oder Ende?

Shownotes

Ein persönliches Gespräch zu Allerheiligen über Abschied, Erinnerung und das, was bleibt

Zu Allerheiligen denken wir an die Menschen, die nicht mehr bei uns sind. Genau deshalb ist diese Folge entstanden – ganz spontan, ohne Drehbuch und persönlicher als jede Folge zuvor.

Der Tod betrifft uns alle. Und trotzdem sprechen die wenigsten wirklich darüber. In dieser Episode tun Sabine und Michael Lahme genau das: offen, ehrlich und mit allen Emotionen, die dazugehören. Zwei Menschen, die seit vielen Jahren gemeinsam durchs Leben gehen – und die doch einen völlig unterschiedlichen Blick auf den Tod haben.

Für Sabine ist der Tod ein Neustart. Etwas verändert sich, eine Aufgabe ist erledigt, und woanders geht eine neue weiter. Für Michael bleibt, wenn ein Mensch stirbt, vor allem eine Lücke bei denen, die ihn lieben. Und diese Lücke lässt sich nicht einfach schließen.

Die Fragen, die nie gestellt wurden

Michael war 23, als sein Vater Günther innerhalb von acht Wochen an Krebs starb. Er saß an seinem Bett, hielt seine Hand und wischte ihm eine Träne von der Wange. „Ich bin da. Du darfst gehen.“

Erst später ist ihm bewusst geworden, wie wenig er über das Leben seines Vaters weiß. Wie er groß geworden ist. Was er im Krieg erlebt hat. Was ihn wirklich ausgemacht hat. Und ob er stolz auf ihn war – das hat Michael erst über seine Mutter erfahren: „Um den Micha brauchen wir uns keine Gedanken zu machen. Der macht seinen Weg.“

Wenn er ihm heute noch einmal begegnen könnte, würde er vor allem Danke sagen. Für die handwerklichen Fähigkeiten, für die Kraft, für die Intuition und das feine Gespür, das er von ihm mitbekommen hat.

Mit sechs verliert Michael den Opa, mit 23 seinen Vater, mit 40 seine Mutter. Abschied in Wiederholung.

Ein Großvater als Mentor fürs Leben

Auch Sabine hat ihren Großvater verloren: Ernst, geboren 1901, groß und stattlich, Fahrer im Steinbruch, Kriegsgefangener, herzkrank. Ein Mann mit einem Viersitzer-Goggomobil, einem Rehpinscher namens Silke und einer tiefen Liebe zu seiner Frau, die auf alten Fotos bis heute sichtbar ist.

Von ihm stammt der Satz, der Sabines Leben geprägt hat: „Mach nur das, was du machen möchtest. Und das, was du nicht machen möchtest – davon lässt du die Finger.“ Als er stirbt, ist Sabine vierzehn. Heute sagt sie: Dieser Großvater ist nach wie vor das größte Geschenk ihres Lebens. Er hat ihr gezeigt, wie wertvoll es ist, zu leben.

Was du aus dieser Folge mitnehmen kannst

Interessier dich für das Leben deiner Eltern, solange du sie noch fragen kannst. Wo kommen sie her, was haben sie erlebt, was hat sie geprägt? Diese Geschichten sind Bilder, die später in dir weiterwirken.

Sag deinen Kindern, wie stolz du auf sie bist. An alle Eltern, Großeltern und Urgroßeltern: Nehmt eure Kinder in den Arm und sagt es ihnen. Was nicht gesagt wird, fehlt später. Und nichts stärkt ein Kind so sehr.

Lass Emotionen zu. Trauer gehört zum Tod. Und sie gehört zum Leben.

Sprich über den Tod – mit deinem Partner, mit deiner Familie. Auch über die schwierigen Fragen. Gerade über die.


Sätze aus dieser Folge

„Der Tod ist für mich ein Neustart. Etwas verändert sich.“

„Wenn ein Mensch stirbt, bleibt für die Menschen, die ihn lieben, eine Lücke.“

„Ich lebe mein Leben. Und wenn es an der Tür klopft, habe ich nichts, was ich noch erledigen müsste.“

„Die Dankbarkeit, noch da zu sein, und der Schmerz, wenn jemand fehlt – das alles gehört zum Leben.“

„Sagt euren Kindern, wie stolz ihr auf sie seid.“


Danke, dass du bis zum Schluss geblieben bist. Und wenn du heute an einen Menschen denkst, der dir fehlt: Erzähl jemandem von ihm.

Wenn dich diese Folge aufwühlt oder du selbst gerade an einem dunklen Punkt bist: Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei und anonym für dich da – unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 sowie auf telefonseelsorge.de.


Du möchtest tiefer einsteigen?

Wenn du dich in dieser Folge wiedererkennst, ist das Impulsgespräch mit Sabine dein nächster Schritt. Ruf gern an unter 0211 / 59 82 07 40 oder schau auf lebens-linie.de vorbei.

Direkt in Kontakt treten kannst du auch über das Kontaktformular.

Oder auf Instagram: @lebenslinie_sabinelahme

Infos über Michael Lahme findest du hier: michael-lahme.de

Sabine Lahme · Paarberatung in Düsseldorf und online

Transkript anzeigen

00:00:05: Hallo und herzlich willkommen zu LahmeLive, deinem Beziehungs- Podcast für mehr Leichtigkeit und Mut in deiner Beziehung.

00:00:13: Mein Name ist Sabine Lahme und ich freue mich sehr, dass du wieder eingeschalten hast.

00:00:17: Also such dir ein ruhiges Plätzchen, lehn dich zurück und nimm dir jetzt Zeit für dich.

00:00:23: Der Tod – für mich ein Neustart, für andere Menschen das Ende.

00:00:38: Hallo und herzlich willkommen zu deinem allerliebsten Lieblings-Podcast und schön, dass du wieder dabei bist.

00:00:44: Mit mir, Sabine Lahme und mit mir, Michael Lahme.

00:00:48: Heute sprechen wir über ein Thema, das alle von uns betrifft und über das viele nicht wirklich sprechen – über den Tod.

00:00:59: Für mich ist er mit einer ganz persönlichen Geschichte verbunden, einer Geschichte, die meinen Blick auf das Leben verändert hat.

00:01:08: Und ich habe einen anderen Blick darauf, denn wenn ein Mensch stirbt, bleibt für die Menschen, die ihn lieben, eine Lücke.

00:01:18: Und die lässt sich nicht einfach schließen.

00:01:22: Jetzt sind wir ja auch schon mittendrin in der Emotion und wir möchten euch heute erzählen, was wir über den Tod denken.

00:01:30: Wir möchten dir erzählen, was er für uns bedeutet und jeder aus seiner eigenen Erfahrung.

00:01:37: Und ich sage jetzt, Michael, let's go!

00:01:42: Der Tod ist für mich etwas, was zum Leben dazu gehört.

00:01:46: Der Tod ist für mich ein Neubeginn.

00:01:49: Tod ist für mich etwas, was ich in meinem Leben viele, viele Jahre begleiten durfte.

00:01:56: Ich fange mal an, dass der Tod etwas ist, was mir gezeigt hat, dass es sinnvoll ist, zu leben.

00:02:07: Tod ist für mich Neustart, Tod ist für mich: Etwas verändert sich.

00:02:12: Gehen wir mal einen Moment in die Natur.

00:02:16: Im Frühjahr kommen die neuen Triebe aus den Bäumen, das Gras kommt aus der Grasnarbe

00:02:23: und im Garten fangen die Blumen an, langsam ihre Köpfchen aus der Erde zu strecken.

00:02:29: Das ist Neustart.

00:02:31: Im Winter davor kommen wir zur Ruhe.

00:02:36: Die Erde wird ruhiger.

00:02:38: Wir, übrigens auch.

00:02:41: Wir transformieren, wir ziehen uns zurück.

00:02:44: Wir gehen ins Innen, denn im Außen ist jetzt nicht mehr so viel Zeit.

00:02:48: Unabhängig davon, im Sommer, im Herbst und im Frühjahr sind wir gerne in der Natur draußen.

00:02:55: Dann ist es auch noch nicht so kalt oder nicht mehr so kalt und es ist warm.

00:03:01: Und wir gehen gerne mit Freunden raus.

00:03:03: Das machen wir in der Transformationszeit im Winter nicht.

00:03:07: Und auch das ist ein Stückchen Tod.

00:03:10: Denn nicht alles, was sich im Herbst und im Winter zurückzieht, kommt im neuen Jahr wieder an die Oberfläche.

00:03:19: Manches löst sich auch in der Erde auf.

00:03:22: Und so ist es auch mit unserem Leben.

00:03:24: So ist es auch, wenn der Tod an die Haustür klopft.

00:03:29: Denn der Tod kommt einfach mal so.

00:03:33: Doch welche Erfahrung hast du denn gemacht mit dem Tod, Michael?

00:03:36: Ich habe mehrere Erfahrungen mit dem Tod gemacht.

00:03:43: Und eine, die bei mir ganz besonders heftig hängen geblieben ist,

00:03:50: das war der Tod von meinem Großvater.

00:03:54: Ich war, glaube ich, so 6 oder 7 Jahre alt.

00:03:57: Und ich habe meinen Opa geliebt.

00:04:00: Wir sprechen von einem Großvater, der wann geboren wurde?

00:04:04: Irgendwas um 1800, hau mich tot, irgendwas 18-hundert-Ende-90

00:04:14: Okay, wir sprechen von einem Menschen, der sowohl den Ersten als auch den Zweiten Weltkrieg live miterlebt hat.

00:04:23: Wir sprechen von einem Menschen, der Tod miterlebt hat, der Trauer miterlebt hat, der Krieg miterlebt hat, der Armut miterlebt hat.

00:04:32: Der Wiederaufbau miterlebt hat, der Verlust erlebt hat, der aber auch das Leben gelernt hat, zu lieben.

00:04:40: Und definitiv.

00:04:42: Und ich habe ihn so in Erinnerung, dass er mir als seinem Enkelkind sehr zugewandt war.

00:04:51: Wir haben viele schöne Momente gehabt.

00:04:54: Es gibt auch wundervolle Bilder zu Michael und seinem Opa.

00:04:58: Gerade um die Weihnachtszeit wurde häufig der Apparat rausgeholt.

00:05:05: Das war der Ludwig.

00:05:07: Ludwig, ein ganz alter Name.

00:05:11: Er wurde früher auch gerne Lutz genannt von seinen Kumpels.

00:05:14: Der Lützer.

00:05:16: Er hat sich immer so ein Klappstuhl genommen und hat den im Sommer neben der Haustür aufgestellt,

00:05:23: hat sich dahingesetzt, hat seine Zeitung dabei gehabt.

00:05:26: So ein Schlägerkäppi hat er aufgehabt und hat dann beobachtet, wie die Leute die Straße rauf und runter gingen.

00:05:34: Hat dann seine Kumpels immer begrüßt.

00:05:37: Und die haben sich dann zwischendurch auch schon mal am Gartenzaun getroffen und haben Schwätzchen gehalten.

00:05:42: Und er ist mit mir ganz gerne spazieren gewesen.

00:05:45: Er hat mir so ein bisschen, genau wie mein Vater auch, so ein bisschen die Welt erklärt.

00:05:50: Und hat mir gezeigt, wie alles so funktioniert. Er war aber auch sehr neugierig, sehr wissbegierig.

00:05:57: Und da gab es halt so einige Situationen, die ich mit meinem Opa erlebt habe.

00:06:03: Aber da will ich jetzt nicht weiter drauf eingehen.

00:06:06: Und dieser Opa stirbt, als du sechs bist.

00:06:09: Genau, richtig.

00:06:10: Und was war dann deine Begegnung mit dem Tod?

00:06:13: Ich habe eine Erinnerung, die sehr spannend ist, wie ich heute finde.

00:06:20: Bevor du die Erinnerung erzählst, dein Opa Ludwig.

00:06:24: Damit die Zuschauer bzw. Zuhörer das noch ein Stück plastischer nachvollziehen können.

00:06:32: Ist das der Papa deines Papas oder der Papa deiner Mama?

00:06:35: Das ist der Vater von meiner Mutter gewesen.

00:06:38: Der hat damals bei uns gelebt, weil meine Eltern sich dazu entschlossen hatten, meinen Großvater bei uns aufzunehmen.

00:06:46: Und die Oma lebte da schon nicht mehr?

00:06:48: Richtig.

00:06:49: Die Oma ist verstorben, da warst du noch ganz klein?

00:06:51: Da war ich, ich glaube, eineinhalb Jahre.

00:06:54: Okay.

00:06:55: Die war kriegstraumatisiert, ne?

00:06:57: Die hatte ein Kriegstrauma. Da ist bei einem Bombenangriff – in Bochum waren die zu dem Zeitpunkt –

00:07:06: ist bei einem Bombenangriff der Bunker getroffen worden, wo die drin waren.

00:07:11: Eine Platte fiel ihr auf den Kopf, und dadurch hatte sie ein Kriegstrauma.

00:07:15: Ja.

00:07:16: Und diese Großmutter ist dann schlussendlich auch verstorben, so dass der Großvater alleine war.

00:07:22: Richtig, genau.

00:07:23: Okay.

00:07:24: Und dann haben meine Eltern sich dazu entschlossen, ihn bei uns aufzunehmen,

00:07:29: dass wir gemeinsam in einer, wie viele Zimmer waren es, Vierzimmerwohnung leben konnten.

00:07:36: Und dadurch hattest du ganz viel Zeit mit dem Opa.

00:07:38: Genau.

00:07:39: Mit dem Opa.

00:07:40: Genau.

00:07:41: Richtig, das war total cool.

00:07:42: So jetzt stirbt dieser Großvater, als du sechs Jahre bist.

00:07:45: Richtig.

00:07:46: Und welche Begegnung hattest du mit dem Tod?

00:07:49: Die erste Begegnung war im Krankenhaus, wo meine Mutter und ich den Opa besuchen wollten.

00:07:56: Wie mutig von deiner Mutter, dich als sechsjähriges Kind mitzunehmen zum Opa

00:08:03: und dich mitzunehmen ins Krankenhaus, um dir dann eben auch Schmerz, Kummer, Leid,

00:08:11: aber auch den Tod nahezubringen.

00:08:13: Wie mutig deine Mutter da war.

00:08:17: So habe ich das noch nie gesehen, weil ich habe einfach nur das Bild eines Krankenhausbesuchs

00:08:28: abgespeichert.

00:08:29: Aber wir haben das Krankenzimmer aufgemacht und meine Mutter hatte einen Schrei auf den Lippen,

00:08:37: weil mein Opa neben dem Bett lag und zu dem Zeitpunkt, wo er auch schon gestorben war.

00:08:44: Also tot war.

00:08:45: Das heißt, der ist aus dem Bett gefallen und meine Mutter hat dann das Krankenhauspersonal

00:08:53: wirklich angefahren, weil mein Opa sowieso schwach war und der eigentlich so ein Gitter

00:09:01: am Bett gebraucht hätte, damit er nicht eigenständig aus dem Bett aussteigt.

00:09:05: Und das war nicht da.

00:09:06: Und dieser wundervolle Großvater, mit dem du ganz viel Zeit hattest, der dir ein

00:09:11: ganz großer Halt in deiner Kindheit war, der war jetzt tot.

00:09:16: Genau.

00:09:17: Erzähl doch mal, wie sich das anfühlt.

00:09:19: Es ist ein, da ich halt sehr klein war, sehr jung war, das Bild des Todes für mich

00:09:31: nicht wirklich in dem Sinne die Bedeutung.

00:09:35: Die Bedeutung kommt erst etwas später, nämlich zu dem Zeitpunkt, als es drum ging,

00:09:42: dass mein Opa beigesetzt wurde.

00:09:45: So, wir sprechen jetzt von der Beisetzungshalle, manche sagen der Leichenhalle.

00:09:50: Also von der Aussegnungshalle, wo dein Großvater im Sarg aufgebahrt liegt.

00:09:57: Genau, richtig.

00:09:58: Und die Menschen sich nochmal von deinem Großvater verabschieden dürfen.

00:10:00: Genau, richtig.

00:10:01: Von der Szene sprechen wir.

00:10:02: Richtig.

00:10:03: Okay, was ist da passiert?

00:10:04: Ich als Kind habe mit anderen Kindern, ich glaube, da waren ein paar Cousins

00:10:08: von mir dabei draußen vor der Kapelle gespielt.

00:10:12: Und wir sind dann halt, wie Kinder so sind.

00:10:15: Wir sind in der Halle rumgelaufen, wir sind in die Leichenhalle rein zum Sarg hin.

00:10:20: Und da war ich plötzlich total erschrocken.

00:10:22: Ich habe meinen Opa angeguckt und denke mir, mein Opa lebt doch noch.

00:10:27: Der hat ein Auge auf.

00:10:29: Und dann bin ich total erschrocken, rausgerannt zu meiner Mutter.

00:10:36: Und ich habe meine Mutter so am Ärmel gezupft.

00:10:39: Ich habe gesagt, Mama, Mama, Mama.

00:10:41: Der Opa, der lebt noch.

00:10:43: Meine Mutter hat mich angeguckt.

00:10:45: Quatsch, der lebt nicht.

00:10:46: Doch, der hat ein Auge auf.

00:10:47: Ja, das passiert schon mal.

00:10:49: Stellt euch mal in dem Moment dieses Kind vor, sechs Jahre,

00:10:53: mit einer Leichtigkeit durch die Räume rasend,

00:10:57: mit den Cousins und Cousinen.

00:10:59: Und Kinder gehen nun mal mit dem Tod ganz anders um, als wir Erwachsene.

00:11:03: Und dieses Kind geht dann an den Sarg, sieht den Großvater darin liegen

00:11:09: und sieht, dass ein Auge offen ist.

00:11:11: Alleine die Tatsache, dass ich als Kind jetzt in ein ganz, ganz tiefes Erschrecken komme

00:11:19: und mein Gehirn sofort arbeitet und sagt, der Opa lebt, der Opa lebt.

00:11:23: Was wir ja wollen, wir wollen ja, also unser Wunsch ist ja,

00:11:26: dass der Mensch lebt, alleine diese Erfahrung zu machen als sechsjähriger

00:11:30: und dann aber dieses Vertrauen zu haben, zu Mama zu rennen und zu sagen,

00:11:34: Mama, Mama, der Opa lebt, der hat ein Auge offen.

00:11:37: Was dieses Kind an Emotion in dem Moment in seinem Körper hat

00:11:41: und die Mutter in ihrer Trauer auch noch genau an der Stelle hilflos erscheint,

00:11:49: ist ja diese Szene, die du erlebt hast.

00:11:51: Genau.

00:11:52: Also das ist für mich im Nachgang, als wenn sie das komplett weggedrückt hat

00:11:59: und mich an der Stelle halt auch,

00:12:01: weil nach meiner Erinnerung keiner in die Leichenhalle gegangen ist und nachgeguckt hat.

00:12:06: Das heißt, dieses Gefühl von der Opa lebt, bleibt jetzt in dir

00:12:10: und dieses Gefühl der Opa lebt, hat sich wie lange in dir gefestigt?

00:12:15: Das waren bestimmt zehn oder 15 Jahre.

00:12:18: Also ich habe immer wieder Gedanken gehabt,

00:12:21: was ist, wenn mein Opa lebendig begraben ist.

00:12:26: Und in der jungen Zeit, in der Jugendzeit,

00:12:31: hat sich dieses Gefühl wirklich so ziemlich verfestigt,

00:12:36: erst wo ich erwachsener war, so ab 20, 24, 25, also schon zu der Zeit,

00:12:44: wo mein Vater dann auch gestorben ist.

00:12:46: Da habe ich einen anderen Blick darauf bekommen,

00:12:50: weil ich mir gesagt habe, es gibt die drei Tage Zeit,

00:12:54: diese Karenzzeit, wo der Körper aufgebahrt liegen bleibt

00:12:59: und wo dann eben wirklich auch die Lebensfunktionen dann tatsächlich auch nicht mehr da sind.

00:13:06: 48 Stunden, das wird ja vorher auch überprüft, ob der Mensch tatsächlich tot ist

00:13:10: und alle Körperfunktionen werden ja geprüft.

00:13:12: Also heute...

00:13:13: Dass da ein Totenschein erstellt wird

00:13:15: und dieser Totenstein – wollte ich jetzt gerade sagen,

00:13:19: Totenschein wird ja ausgefüllt von einem Arzt.

00:13:22: Das bedeutet ja auch, der Mensch wird nachher vom Totengräber,

00:13:26: so hieß das ja früher , oder vom Bestatter,

00:13:28: wird der Mensch ja auch gewaschen und angezogen

00:13:31: und auch da würde ja bemerkt werden, wenn der Mensch noch leben würde,

00:13:36: zumindest nach 48 Stunden.

00:13:38: Trotz alledem, diese Situation ist ja eine Situation,

00:13:41: in der du das erste Mal mit dem Tod konfrontiert wirst.

00:13:44: Genau, richtig.

00:13:45: Und diese Konfrontation mit dem Tod

00:13:47: ist ja eine Konfrontation, die du dann in der Wiederholung erlebt hast.

00:13:51: Denn mit sechs stirbt der Opa, mit 20 stirbt der Papa

00:13:56: und mit 40...

00:13:57: Ja, 23 war ich.

00:13:58: Mit 40 stirbt die Mama.

00:14:00: Genau.

00:14:01: Bam!

00:14:02: Also: Tod – Halbwaise. Tod – Vollwaise.

00:14:07: Und ich habe damals schon den Hut gezogen,

00:14:10: als wir uns kennengelernt haben und ich erfahren habe,

00:14:12: dass der Opa und der Papa früh verstorben ist

00:14:16: und habe dann den Hut gezogen,

00:14:18: als dann die Mama auch noch verstorben ist.

00:14:22: Und Tod bedeutet ja für den einen Neustart,

00:14:26: das habe ich am Anfang gesagt und für den anderen

00:14:28: ist es etwas, was mit den Menschen etwas macht,

00:14:33: im wahrsten Sinne des Wortes,

00:14:35: weil sie dann nicht mehr eins mit sich sind .

00:14:38: Meine Thematik mit dem Tod war der Tod meines Großvaters.

00:14:45: Ernst.

00:14:47: Mein Großvater war so ein großer, stattlicher Mensch.

00:14:51: Der ist 1901 geboren.

00:14:54: Und auch er hat den ersten und zweiten Weltkrieg mitgemacht,

00:14:58: war in Kriegsgefangenschaft und hat dann,

00:15:01: als mein Großvater und ich uns tatsächlich kennenlernten,

00:15:06: weil so an die ganz, ganz frühen Jahre erinnere ich mich nicht mehr,

00:15:09: aber ich erinnere mich daran,

00:15:11: dass mein Großvater ein unfassbar toller Mensch war.

00:15:16: Ist das der Opa, wo du schon mal von erzählt hast,

00:15:20: mit dem du, mit dem Goggomobil, genau.

00:15:23: Mein Großvater hatte ein Viersitzer- Goggomobil gehabt,

00:15:26: mit dem wir immer zusammen mit meiner Großmutter,

00:15:28: also nicht immer, sondern häufig mit meiner Großmutter zusammen

00:15:31: und dem Hund.

00:15:32: Mein Großvater hatte nämlich einen Hund,

00:15:34: einen Rehpinscher namens Silke.

00:15:37: Alle Rehpinscher hießen Silke bei meinem Großvater.

00:15:40: Da gibt es ein schönes Foto.

00:15:41: Ja, total.

00:15:42: Wie mein Großvater den Hund auf dem Schoß hat,

00:15:44: meine Oma liebevoll im Arm hält.

00:15:46: Und es ist sichtbar, wie mein Großvater meine Großmutter liebt.

00:15:49: Das ist unfassbar.

00:15:50: Auf jeden Fall, dieser Großvater hatte etwas,

00:15:53: was mich heute manchmal noch an meinen Großvater erinnert,

00:15:56: wenn Michael, mein Mann, genau das Gleiche trägt,

00:16:00: wie mein Großvater.

00:16:01: Nämlich eine braune Cordlederhose

00:16:05: ich meine eine braune Cordhose

00:16:07: mit Hosenträger.

00:16:09: Das hat mein Opa auch getragen.

00:16:11: Und ich fand es schon damals bei meinem Opa sexy.

00:16:13: Und ich finde es heute immer noch sexy.

00:16:15: Unabhängig davon,

00:16:17: die Sexiness bei meinem Großvater

00:16:19: ist eine andere Sexiness als bei meinem Ehemann.

00:16:21: Unabhängig davon,

00:16:23: dieser Großvater,

00:16:25: der unfassbar viele tolle Momente mit mir gestaltet hat,

00:16:32: dieser Großvater,

00:16:34: der mein größter Mentor ist bis zum heutigen Tag,

00:16:39: der damals schon,

00:16:41: dieser 1901 geborene stattliche Mann,

00:16:44: der Fahrer war im Steinbruch,

00:16:45: hat zu mir gesagt,

00:16:47: mach nur das, was du machen möchtest

00:16:49: und das, was du nicht machen möchtest.

00:16:51: Davon lässt du die Finger.

00:16:52: Dieser Großvater stirbt,

00:16:54: als ich vierzehn bin.

00:16:56: Tot.

00:16:58: Weg.

00:16:59: Das heißt, du hast ihn wirklich sehr lange erleben dürfen.

00:17:01: Ja, dafür bin ich sehr dankbar.

00:17:03: Mein Opa war ein toller Mann.

00:17:05: Er war herzkrank,

00:17:08: was gerne mal in dieser Generation angelegt ist

00:17:13: und mein Großvater ist verstorben,

00:17:15: weil das Herz nicht mehr wollte.

00:17:18: Heute sage ich mir,

00:17:21: das größte Geschenk meines Lebens

00:17:24: ist mein Großvater nach wie vor.

00:17:27: Denn dieser Mann hat mir gezeigt,

00:17:29: wie wertvoll es ist, zu leben.

00:17:33: Und dieser Opa war auch der Mensch,

00:17:37: der mir gesagt hat,

00:17:40: du kannst in deinem Leben alles machen.

00:17:44: Alles, was du möchtest.

00:17:46: Du musst nichts tun, was du nicht tun möchtest.

00:17:48: Und genau an der Stelle

00:17:50: habe ich oft getan, was ich wollte,

00:17:53: denn ich war so ein ganz wildes Kind

00:17:55: und für meine Eltern war das

00:17:57: ganz, ganz schwierig,

00:17:59: denn ich war eine Herausforderung.

00:18:01: Ich bin es bis zum heutigen Tag.

00:18:03: Mein Vater ist 97, meine Mutter ist 94

00:18:05: und ich wage zu behaupten,

00:18:09: dass ich für meine Eltern nach wie vor

00:18:11: die Herausforderung ihres Lebens bin.

00:18:14: Aber das ist ihr Leben, nicht meins.

00:18:17: Ich führe das einmal zurück zum Opa, der starb.

00:18:20: Und jetzt war für mich so eine ganz,

00:18:22: so eine ganz wichtige Person weg

00:18:24: und diese wichtige Person

00:18:27: habe ich relativ schnell

00:18:29: als Mentor in mein Leben integriert.

00:18:32: Denn nach dem Tod meines Großvaters

00:18:35: kam mir dann erstmal diese Thematik

00:18:38: wo zieht es mich hin, was möchte ich werden.

00:18:41: Und die Beobachtung mit dem Tod

00:18:44: habe ich dann erlebt auf der Gerontopsychiatrie,

00:18:47: auf der Gerontopsychiatrie,

00:18:49: auf der ich später gearbeitet habe,

00:18:51: leben Menschen, die psychisch erkrankt sind,

00:18:54: die Gewalt erlebt haben, die Kriegstraumata haben,

00:18:57: die aufgrund der nicht verarbeiteten Konflikte

00:19:00: in eine psychische Erkrankung kommen

00:19:03: und nicht mehr alleine ihr Leben leben können

00:19:06: und dadurch eben Schutz brauchen,

00:19:08: medizinische Unterstützung und ein Halt.

00:19:11: Und genau auf dieser Station habe ich dann

00:19:13: die Begegnung mit dem Tod live erlebt.

00:19:17: Kann mich noch einmal an meinen ersten Tod erinnern.

00:19:20: Jetzt könnten ja viele Leute sagen,

00:19:22: okay, innerhalb der Familie,

00:19:25: dass es was sehr emotional ist, aber auf so einer Station,

00:19:28: da können ja keine Emotionen aufkommen,

00:19:30: aber ich könnte mir vorstellen,

00:19:32: dass du da, weil du ja im pflegenden,

00:19:35: helfenden Beruf tätig warst,

00:19:38: dass du da auch eine sehr intensive Bindung

00:19:41: zu den Patienten aufgebaut hast,

00:19:43: bevor die verstorben sind.

00:19:45: Du hast ja im Vorfeld viele Thematiken

00:19:48: mit diesen Menschen erlebt.

00:19:50: Ich habe erlebt, dass wenn Menschen gebadet werden,

00:19:53: was die ja öfters mal werden,

00:19:55: dass Frauen dann, wenn ein Pfleger reinkam,

00:19:57: angefangen haben zu schreien,

00:19:59: dass Männer, wenn eine Frau ihnen begegnet ist,

00:20:02: auch schon mal ausgeholt haben,

00:20:04: weil sie dann in alten Erinnerungen geschwebt sind.

00:20:08: Ich kann mich daran erinnern,

00:20:10: dass es eine Begegnung gab

00:20:12: mit einem Patienten,

00:20:14: früher waren sie Patienten,

00:20:16: auf der Station,

00:20:18: heute würden wir sagen Bewohner,

00:20:22: ein Patient, der einen Schaft hatte,

00:20:25: d.h. der hatte einen Durchschuss

00:20:28: oberhalb des Knies,

00:20:30: d.h. ab dem Oberschenkel war der Fuß amputiert,

00:20:34: d.h. der hatte keine Kniescheibe mehr,

00:20:36: also brauchte er eine Prothese,

00:20:38: und diese Prothese war nicht nur sehr schwer,

00:20:41: sondern auch das Anziehen der Prothese war sehr schwer.

00:20:44: Am Anfang habe ich mich da sehr schwer mitgetan.

00:20:47: Diesen Patienten

00:20:49: muss ich an irgendjemanden erinnert haben.

00:20:52: Und in diesem Moment der Erinnerung,

00:20:55: ich kann mich noch heute daran erinnern,

00:20:57: ich ziehe den Strumpf an,

00:20:59: der zuerst angezogen wird,

00:21:01: und dann wird der Fuß in den Schaft gedrückt.

00:21:04: Beim von unten nach oben hochkommen,

00:21:07: hat der ausgeholt in einer Art und Weise,

00:21:10: dass ich quer durch den ganzen Raum flog,

00:21:13: und ich mich erst mal wieder sortieren musste,

00:21:16: dass ich diesen Blinker am Auge hatte

00:21:20: und im Nachgang erst mitbekommen habe,

00:21:24: was da passiert ist.

00:21:27: Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich kohlrabenschwarze Haare.

00:21:31: Diese kohlrabenschwarze Haare

00:21:33: hatten in seiner Geschichte eine Legende.

00:21:36: Und diese Legende und diese kurzzeitige psychische Dekompensation

00:21:41: hat dann dazu geführt,

00:21:43: dass dieser Mensch in einem alten Film war.

00:21:45: Das war nicht böse gemeint, ich kannte die Geschichte ja,

00:21:48: aber in dem Moment null achtsam mit mir war.

00:21:51: Im Nachgang war mir klar,

00:21:53: ich gehe mal besser nicht alleine in das Zimmer.

00:21:56: Nur in den 80ern gab es schon Pflegenotstand.

00:21:59: Und ich habe ganz häufig Aufgaben übernommen

00:22:02: auf der Station,

00:22:04: die normalerweise nicht meine Aufgaben gewesen wären.

00:22:07: Und genau an dem Tag ist das passiert.

00:22:10: Und diese Erinnerungen an die Gerontopsychiatrie

00:22:13: und den Tod haben mich dazu geführt,

00:22:16: dass ich ein anderes Bild

00:22:18: und einen anderen Umgang mit dem Tod erlebt habe.

00:22:21: Ich habe Menschen erlebt,

00:22:23: die friedvoll in den Tod gegangen sind.

00:22:26: Ich habe Menschen erlebt,

00:22:28: die mit einem ganz großen Kampf in den Tod gingen.

00:22:31: Und ich habe viele, viele, viele Menschen begleitet.

00:22:35: Ich habe vier Jahre lang Sterbebegleitung

00:22:38: an der Stelle gemacht,

00:22:40: zum Übergang auf die andere Seite.

00:22:43: Und was mich der Tod gelehrt hat,

00:22:46: ist, dass es ein Neustart ist.

00:22:49: Hast du auch die Erfahrung machen können,

00:22:52: direkt mit Patienten

00:22:55: in dem Moment des letzten Atemzuges dabei zu sein?

00:22:58: Ja, ganz häufig.

00:23:00: Was hat das bei dir ausgelöst?

00:23:03: Was hat das mit dir gemacht?

00:23:07: Also es gab Patienten, die sind friedvoll gegangen

00:23:14: und es gab Patienten,

00:23:17: die ganz schwer geatmet haben und gekämpft haben.

00:23:20: Und da helfen dann auch meine beruhigenden Worte nicht,

00:23:23: sie dürfen gehen.

00:23:25: Alles gut.

00:23:27: Sie dürfen wirklich gehen.

00:23:29: Das hat nicht geholfen.

00:23:31: Sie hingen förmlich am Leben.

00:23:34: Erinnerst du dich noch,

00:23:37: als wir auf dem Krankenzimmer waren,

00:23:40: wir hatten zwei Tage mit deiner Mama.

00:23:43: Erinnerst du dich an den letzten Atemzug,

00:23:46: als ich gesagt habe, Michael wach auf, die Mama stirbt?

00:23:49: Erinnerst du dich noch?

00:23:51: Dieser Atemzug,

00:23:53: als wir bei ihr am Bett saßen,

00:23:56: wir wollten gerade einschlafen,

00:23:59: wir hatten ein Familienzimmer.

00:24:02: Die Schwester wollte die Mama noch waschen

00:24:05: und sie hat sich gegen die Schwester gewehrt

00:24:08: und auch mit dem Arzt gab es die Vereinbarung.

00:24:11: Wenn Sie ihr dieses Morphiumpflaster nicht kleben können,

00:24:14: klebe ich das.

00:24:16: Ich hatte meiner Schwiegermutter etwas zugesagt,

00:24:19: dass sie schmerzfrei gehen darf.

00:24:21: Das war ihre große Bitte an mich.

00:24:23: Erinnerst du dich noch an den Atemzug, an dieses ...

00:24:26: Ja, ich erinnere mich auch an das,

00:24:29: was vorher noch passiert ist.

00:24:32: Dieses Friedvolle ist mir auf der Station begegnet.

00:24:35: Und dieses Kämpferische auch.

00:24:38: Und da habe ich für mich einen Entschluss gefasst.

00:24:41: Ich habe für mich den Entschluss gefasst.

00:24:44: Ich lebe mein Leben.

00:24:46: Und wenn es an der Tür klopft,

00:24:49: dann habe ich nichts, was ich noch erledigen müsste.

00:24:53: Hast du beim Verabschieden

00:24:57: des einen oder anderen Patienten

00:25:01: auch Traurigkeit erlebt?

00:25:06: Nein.

00:25:08: Ich meine, bei den Patienten ...

00:25:11: Ja, also diese Trauer, dass jemand dann geht,

00:25:14: mit dem du viele, viele Jahre zusammengearbeitet hast.

00:25:17: Und das ist ja nun mal auf der Gerontopsychiatrie

00:25:20: was ganz Besonderes, weil du nie weißt,

00:25:22: in welcher Situation dir dein Gegenüber wieder begegnet .

00:25:25: Ob das die Frau X, Y oder der Herr X, Y war.

00:25:28: Also wir hatten lustige Situationen.

00:25:30: Wir hatten aber auch viele, viele Situationen,

00:25:33: die anstrengend waren.

00:25:35: Wenn die Menschen in ihrer Verwirrtheit

00:25:38: dann mal wieder versucht haben zu flüchten,

00:25:40: was ja ganz häufig vorkam und wir sie dann suchen durften.

00:25:43: Oder plötzlich die Polizei vor der Tür steht und sagt,

00:25:46: wir haben da die Frau oder der Herr X, Y.

00:25:49: Das waren schon Situationen, die anstrengend waren.

00:25:53: Aber auch sehr viel Gewaltsituationen,

00:25:56: weil die Menschen manchmal nicht mitbekommen,

00:25:58: was sie da gerade tun.

00:25:59: Und das ist schon auch anstrengend.

00:26:01: Und was mich damals gelehrt hat,

00:26:04: ist das Leben zu leben und das Leben so zu nehmen,

00:26:07: wie das Leben ist, weil du kannst es nicht ändern.

00:26:09: Das ist richtig.

00:26:10: Was aber schön ist, ist der Umgang mit dem Tod.

00:26:13: Und es ist ein Teil, der zum Leben gehört.

00:26:18: Richtig.

00:26:19: Und das finde ich halt so schwierig in der heutigen Zeit.

00:26:23: Aber das zieht sich halt durch alle Generationen.

00:26:26: Nein, es ist nicht richtig.

00:26:28: Es gab früher Generationen, gerade so im 18. Jahrhundert,

00:26:34: da, das weiß ich so aus Überlieferungen,

00:26:37: wo die Menschen immer mit dem Tod konfrontiert wurden.

00:26:43: Das gehörte für alle beteiligten Familienangehörigen

00:26:47: zum Leben dazu.

00:26:49: Und heute wird das so weggeschoben.

00:26:51: Das wird so wegdiktiert.

00:26:54: Das gehört nicht dazu.

00:26:56: Damit will ich mich nicht auseinandersetzen.

00:26:58: Und umso schwieriger ist es für die Menschen,

00:27:01: wenn sie dann bei einem nahen Angehörigen

00:27:05: mit dem Thema Tod konfrontiert werden,

00:27:08: mit dem Weggang desjenigen,

00:27:11: der lange Jahre einen Platz

00:27:14: neben einer Person ausgefüllt hat.

00:27:17: Na ja, wir haben ja nun mal mehrere Tote erlebt,

00:27:19: den Tod deiner Mama,

00:27:21: der meiner besten Freundin,

00:27:26: die ich ja auch begleiten durfte,

00:27:28: und zwar begleiten durfte am Bett

00:27:31: und meine beste Freundin und ich hatten eine Vereinbarung.

00:27:34: Ich helfe ihr,

00:27:36: im Nachgang die Mama hübsch zu machen.

00:27:40: Und dieses Erlebnis zwischen uns beiden

00:27:43: war eines ihrer größten Geschenke,

00:27:47: was ich ihr machen konnte.

00:27:49: Und dann starb unmittelbar danach

00:27:52: meine Geschäftspartnerin und Freundin,

00:27:54: Monika Margarete.

00:27:56: Und auch das war ja nochmal ein Erlebnis,

00:27:58: was wir beide, Michael, du und ich,

00:28:00: gemeinsam hatten.

00:28:02: Und dann kam unsere Diskussion,

00:28:04: die wir eines Tages auf dem Sofa hatten,

00:28:07: was passiert,

00:28:09: wenn du für dich entscheidest,

00:28:11: ich möchte nicht mehr leben.

00:28:13: Und dann sagte Michael etwas zu mir,

00:28:16: dann möchte ich, dass du mich unterstützt.

00:28:18: Und ich habe gesagt,

00:28:20: das wirst du von mir nicht erwarten können.

00:28:22: Ich werde das nicht tun.

00:28:24: Ich werde dir keine Pille reichen.

00:28:26: Dafür brauchst du jemand anderen.

00:28:28: Ich werde dich nicht unterstützen,

00:28:30: wenn du dich suizidieren möchtest.

00:28:33: Das war eine unserer größten Diskussionen,

00:28:36: ich kann mich daran erinnern,

00:28:38: da warst du baff erstaunt,

00:28:40: dass ich sage, da werde ich dich nicht unterstützen.

00:28:42: Ich habe gesagt, ich bin da,

00:28:44: ich bin diejenige nicht,

00:28:46: die dir eine Tablette gibt.

00:28:48: Na gut, nehmen kann ich sie alleine.

00:28:50: Wenn du sie alleine nehmen kannst, ja.

00:28:52: Wenn du sie alleine nehmen kannst, ja.

00:28:54: Und das ist etwas, was ich für mich

00:28:56: entschieden habe,

00:28:58: dass ich

00:29:00: auf keinen Fall

00:29:02: am Lebensende

00:29:04: dahinsiechen will.

00:29:06: Weil das ist für mich kein Leben mehr.

00:29:08: Mich ärgert das ein kleines bisschen,

00:29:10: das möchte ich hier an der Stelle

00:29:12: auch nur ganz kurz betonen.

00:29:14: Wir haben die Möglichkeit,

00:29:16: uns von unseren

00:29:18: schwer kranken Tieren

00:29:20: verabschieden zu können,

00:29:22: indem wir zum Tierarzt gehen und sagen,

00:29:24: ja, macht ja keinen Sinn mehr.

00:29:26: Das nennt sich Euthanasie.

00:29:28: Genau.

00:29:30: Und dass wir uns dann

00:29:32: von den Tieren verabschieden können.

00:29:34: Und bei Menschen

00:29:36: geht das freiwillig nicht.

00:29:38: Doch es geht, wir dürfen,

00:29:40: wir dürfen einen begleiteten

00:29:42: Abgang aus dem Leben machen.

00:29:44: Das dürfen wir, nur ich habe entschieden:

00:29:46: Ich werde dir es nicht geben.

00:29:48: Und ich werde nicht mit dir

00:29:50: gemeinsam in den Freitod gehen.

00:29:52: Wenn du schwer krank bist,

00:29:54: dann begleite ich dich

00:29:56: und wenn du für dich entscheidest,

00:29:58: dass du gehen möchtest,

00:30:00: akzeptiere ich das.

00:30:02: ich integrier es in mein Leben.

00:30:04: Ich akzeptiere es,

00:30:06: um zu lernen,

00:30:08: dich, als mein Ehemann,

00:30:10: loszulassen.

00:30:12: Nur ich werde dir

00:30:14: keine Tablette reichen.

00:30:16: Das ist

00:30:18: eine verbindliche Information.

00:30:20: Das war eine unserer Diskussionen,

00:30:22: die war anstrengend,

00:30:24: weil

00:30:26: Michael versucht hat, mich

00:30:28: zu überzeugen,

00:30:30: dass es doch ein Teil

00:30:32: einer Beziehung ist.

00:30:34: Ja, ein Teil einer Beziehung zu mir,

00:30:36: das ich mit mir klar bin und,

00:30:38: dass ich das nicht machen werde.

00:30:40: Und das war

00:30:45: eine Lernaufgabe und eine Herausforderung

00:30:47: für uns beide.

00:30:49: Bei diesem Nein zu bleiben

00:30:51: und dieses Nein zu akzeptieren.

00:30:53: Ich denke anders über den Tod.

00:30:55: Der Tod ist für mich kein Ende.

00:30:57: Der Tod ist für mich ein Neustart.

00:30:59: Und eine Aufgabe,

00:31:01: die ich dann hier

00:31:03: erledigt habe

00:31:05: und woanders geht eine Aufgabe weiter.

00:31:07: Die Challenge.

00:31:09: Und für dich ist der Tod das Ende.

00:31:11: Das ist nicht ganz richtig.

00:31:13: Der Tod ist für mich

00:31:15: auch ein Neubeginn.

00:31:17: Weil ich daran

00:31:19: wirklich glaube,

00:31:21: dass wir

00:31:23: nach dem Leben, was wir hier leben,

00:31:25: einen

00:31:27: Neuanfang machen können.

00:31:29: Das heißt,

00:31:31: der Übergang in den Tod

00:31:33: bedeutet für mich nicht,

00:31:35: dass

00:31:37: dann alles dunkel ist

00:31:39: und alles ist vorbei.

00:31:41: Sondern es wird irgendetwas passieren,

00:31:43: dass

00:31:45: die Seele

00:31:47: wie auch immer wir das nennen wollen

00:31:49: ein

00:31:51: Übergang stattfindet.

00:31:53: Dass das

00:31:55: einen neuen Weg geben wird.

00:31:57: Und deswegen ist auch der Titel

00:31:59: dieser Episode halt

00:32:01: hier auch so gewählt,

00:32:03: dass es um Neuanfang geht.

00:32:05: Aber es gibt Menschen,

00:32:07: die sagen ganz klar,

00:32:09: der Tod ist der Tod

00:32:11: und dann ist Ende und Feierabend

00:32:13: und das passt in mein Weltbild nicht rein.

00:32:15: Weil ich stelle mir dann immer die Frage,

00:32:17: aus welchem Grund leben wir denn dann?

00:32:19: Weil wir eine Aufgabe hier haben

00:32:21: und weil wir irgendetwas erledigen sollen,

00:32:23: von dem wir am Anfang nicht wissen,

00:32:25: was es ist.

00:32:27: Und manchmal ändern sich ja auch Pläne.

00:32:29: Als ich damals

00:32:31: 1988

00:32:33: ein ganz wundervolles

00:32:35: Angebot bekommen habe

00:32:37: von einer

00:32:39: gerontopsychiatrischen Station

00:32:41: und ich mich gefreut habe,

00:32:43: wie Bolle dieses Angebot

00:32:45: zu bekommen.

00:32:47: Hat mein Leben gesagt:

00:32:49: Nö.

00:32:51: Dieses Angebot

00:32:53: wirst du nicht annehmen.

00:32:55: Denn 88

00:32:57: bin ich schwer krank geworden

00:32:59: und diese Krankheit

00:33:01: hat dann dafür gesorgt,

00:33:03: dass ich nochmal wirklich ernsthaft

00:33:05: über den Tod nachdenken durfte.

00:33:07: Ich lache jetzt nicht über den Tod,

00:33:09: sondern ich lache über dieses

00:33:11: Nachdenken dürfen.

00:33:13: Und dieses Nachdenken dürfen

00:33:15: hat mich, wenn ich auf 88 zurückschau,

00:33:17: zu einem

00:33:19: anderen Menschen gemacht.

00:33:21: Heute

00:33:23: ist das Leben für mich

00:33:25: einfach, weil ich es einfach

00:33:27: lebe.

00:33:29: Damals war das Leben für mich schwer.

00:33:31: Denn

00:33:33: ich wusste gar nicht, was es bedeutet

00:33:35: zu leben.

00:33:37: Nach dem langen künstlichen Koma

00:33:39: was bedeutet es denn

00:33:41: zu leben?

00:33:43: Was bedeutet es denn, alles wieder

00:33:45: von vorne lernen zu dürfen?

00:33:47: Sprechen, atmen,

00:33:49: schlucken,

00:33:51: schreiben,

00:33:53: lesen,

00:33:55: leben.

00:33:57: Ich wusste gar nicht mehr, wie das geht.

00:33:59: Und dann später

00:34:01: laufen auf den eigenen Beinen stehen.

00:34:03: Ich wusste gar nicht, was das bedeutet.

00:34:05: Wie kann ich das denn lernen?

00:34:07: Ich kann mich daran erinnern,

00:34:09: als

00:34:13: der Professor

00:34:15: Dr. Schneider

00:34:17: zusammen mit dem

00:34:19: Leiter der Intensivstation

00:34:21: bei mir am Bett stand

00:34:23: und die beiden mich gefragt haben,

00:34:25: wenn ich jetzt wieder etwas trinken darf

00:34:27: und wenn ich jetzt wieder eine Kleinigkeit

00:34:29: essen darf,

00:34:31: was es dann wäre.

00:34:33: Und ich habe aufgeschrieben,

00:34:35: Apfelsaftschorle.

00:34:37: Ich kann mich daran erinnern,

00:34:39: wie denen die Gesichtszüge entgleist sind.

00:34:41: Mit meinem

00:34:43: minimalen Darm

00:34:47: diejenigen, die das noch nicht wissen,

00:34:49: geht einfach in den Folgen zurück.

00:34:51: Ich habe meine Geschichte erzählt,

00:34:53: was es damals für Themen gab.

00:34:55: Nach der langen Zeit

00:34:57: auf der Intensivstation

00:34:59: durfte ich erst mal wieder lernen,

00:35:01: was es bedeutet, zu essen und zu trinken.

00:35:03: Und das Erste, was mir in den Kopf kommt,

00:35:05: als ich gefragt werde,

00:35:07: was ich denn gern trinken wollen würde

00:35:09: und zur Info, ich hatte Wunschkost.

00:35:11: Ich hätte mir Hummer leisten können.

00:35:13: Die tollsten Steaks

00:35:15: komme ich auf die Idee,

00:35:17: ich möchte ein Apfelsaftschorle

00:35:19: und der Professor stand vor mir

00:35:21: und sagte dann wirklich,

00:35:23: ob ich sie noch alle habe.

00:35:25: Apfelsaftschorle mit einem verkürzten Darm.

00:35:27: Und mein Darm

00:35:29: ist nicht ein bisschen verkürzt,

00:35:31: sondern maximal verkürzt.

00:35:33: Also ich habe kein Kurzdarmsyndrom,

00:35:35: aber ich lebe mit einem minimalen Darm,

00:35:37: der es mir erlaubt, zu leben.

00:35:39: Und ich lebe.

00:35:41: Und genau an der Stelle habe ich damals über das Leben nachgedacht.

00:35:43: Und für mich ist der Tod,

00:35:45: dem ich ja wahrscheinlich

00:35:47: ein paar Mal von der Schippe gesprungen bin,

00:35:49: etwas,

00:35:51: was mich erschreckt

00:35:53: manches Mal,

00:35:55: wie Menschen ihr Leben leben.

00:35:59: Und wenn wir jetzt einmal nochmal zurückgehen

00:36:01: an den Anfang,

00:36:03: wenn ich jetzt auf

00:36:05: das Gespräch zurückblicke,

00:36:07: berührt mich vor allen Dingen

00:36:09: eins,

00:36:11: wir sprechen

00:36:13: beide über denselben Tod

00:36:15: und trotzdem

00:36:17: bedeutet er für uns etwas

00:36:19: völlig unterschiedliches.

00:36:21: Für mich

00:36:23: wurde die Nähe zum Tod

00:36:25: auch zu einem Neubeginn.

00:36:27: Für mich

00:36:29: steht es stärker im Mittelpunkt,

00:36:31: was bleibt,

00:36:33: wenn ein geliebter Mensch

00:36:35: nicht mehr da ist.

00:36:37: Und wenn ich an Monika Margarete denke,

00:36:39: dann bleibt für mich

00:36:41: ihr Gespür

00:36:44: für Text, ihr Gespür

00:36:46: für deutsche Sprache,

00:36:48: ihr Gespür für

00:36:50: Champs-Élysées

00:36:52: und Klapprechner.

00:36:54: Und wenn ich an die Mama

00:36:56: von meiner besten Freundin denke,

00:36:58: dann bleibt für mich

00:37:00: dieser wunderhübsche Mensch,

00:37:02: diese tolle Person.

00:37:04: Und wenn ich an deine Mama denke,

00:37:06: dann bleibt für mich

00:37:08: ihre Mokka-Buttercreme-Torte.

00:37:12: Und wenn ich an mein Großvater denke,

00:37:14: dann bleibt für mich

00:37:16: das Cellophantütchen

00:37:18: mit Ritter-Sport-Schokolade

00:37:20: aus Waldenburg.

00:37:22: Cool.

00:37:24: Ja, und das alles gehört zum Leben.

00:37:26: Die Dankbarkeit, noch da zu sein

00:37:28: und der Schmerz,

00:37:30: wenn jemand fehlt.

00:37:32: Und ich muss gerade noch

00:37:35: so ein bisschen an den Tod

00:37:37: meines Vaters denken,

00:37:39: dass was da für mich zurückgeblieben ist,

00:37:41: ist,

00:37:43: weil mein Vater halt auch

00:37:45: gestorben ist,

00:37:47: wo ich gerade 23 war.

00:37:49: Und

00:37:51: mir ist hinterher bewusst geworden,

00:37:53: dass ich mich viel zu wenig

00:37:55: interessiert habe.

00:37:57: Und das ist etwas,

00:37:59: was mir heute auch

00:38:01: sehr wichtig ist, um das auch weiter zu geben.

00:38:03: Interessiert euch

00:38:05: für das Leben eurer Eltern.

00:38:07: Interessiert euch für das,

00:38:09: was sie getan haben, wo sie herkommen,

00:38:11: was sie erlebt haben,

00:38:13: damit ihr für euch Bilder habt,

00:38:15: die

00:38:17: in euch wirken können,

00:38:19: die etwas,

00:38:21: die einen Impuls geben

00:38:23: können,

00:38:25: was in euch steckt.

00:38:27: Diese Geschichten,

00:38:29: die ich von dir höre,

00:38:31: von deinem Großvater,

00:38:33: vieles davon

00:38:37: fehlt mir bei meinem Vater.

00:38:39: Und

00:38:41: ich weiß nicht, wie stolz er auf mich gewesen ist.

00:38:43: Ich weiß nur bestimmte Dinge,

00:38:45: die er mir als Kind gezeigt hat,

00:38:47: wie das Leben funktioniert.

00:38:49: Aber wie sein Leben funktioniert hat,

00:38:51: wo er herkommt,

00:38:53: das fehlt mir vollkommen.

00:38:55: Und das ist

00:38:57: der schwierigste Einschnitt

00:38:59: in meinem Leben,

00:39:01: beim Verabschieden.

00:39:03: Dieses Nicht-Wissen,

00:39:05: was hat ihn tatsächlich ausgemacht?

00:39:07: Was steckte wirklich

00:39:09: in ihm?

00:39:11: Du hast ja gerade erzählt,

00:39:13: dass dein Papa verstorben ist,

00:39:15: als du 23 warst.

00:39:19: Wenn du heute

00:39:21: ihm noch mal begegnen könntest,

00:39:23: mal angenommen, es wäre so.

00:39:26: Was würdest du ihm denn

00:39:28: heute von dir

00:39:30: erzählen?

00:39:32: Aber starten wir erstmal mit,

00:39:34: wie war das denn für dich,

00:39:36: als er verstorben ist?

00:39:38: Das war ein

00:39:42: Tornado.

00:39:44: Tornado der Gefühle.

00:39:46: Weil alles sehr schnell ging.

00:39:48: Ich habe das alles weggedrängt.

00:39:50: Mein Vater ist plötzlich ins Krankenhaus gekommen.

00:39:52: Und die Diagnose

00:39:54: habe ich nie verstanden.

00:39:56: Es wurde immer von Blutkrebs gesprochen,

00:39:58: dann von Knochenkrebs

00:40:00: und von irgendeinem Krebs,

00:40:02: den keiner kennt.

00:40:04: Also irgendwie so total wirr.

00:40:06: Und innerhalb

00:40:08: von acht Wochen

00:40:10: ist er dann tatsächlich verstorben.

00:40:12: Es war

00:40:14: tatsächlich

00:40:16: im Nachgang

00:40:18: eine Form von Knochenkrebs.

00:40:20: Es hat sich seine Wirbelsäule zersetzt.

00:40:22: Und

00:40:24: dann hat sich auch Blutkrebs eingestellt.

00:40:26: Also es war wirklich sehr schlimm.

00:40:28: Er hat sehr starke Schmerzen gehabt.

00:40:30: Er wurde dann

00:40:32: medikamentös eingestellt

00:40:34: über Morphium.

00:40:36: Und ich bin

00:40:41: in dem

00:40:44: Emotion darf sein.

00:40:46: Lass sie zu.

00:40:48: Gehört zum Tod.

00:40:50: Gehört zum Leben.

00:40:52: Deep Dive!

00:40:54: Spring rein.

00:40:58: Du warst in den letzten Atemzüge dabei, ne?

00:41:00: Ich bin dabei gewesen.

00:41:02: Ich saß bei ihm am Bett.

00:41:04: Und

00:41:06: ich habe seine Hand gehalten.

00:41:08: Und

00:41:13: dass diese Emotion immer noch durchkommt.

00:41:15: Das ist normal.

00:41:17: Das ist ein Stück von dir und gehört zu dir.

00:41:19: Und die darf sein.

00:41:21: Erlaub sie dir.

00:41:23: Es lief

00:41:28: einmal eine Träne über seiner Wange.

00:41:30: Und

00:41:32: ich habe ihm

00:41:34: die Träne abgewischt.

00:41:36: Und hast gesagt, du darfst gehen.

00:41:38: Ich habe ihm nur gesagt, ich bin da.

00:41:42: Ich bin da.

00:41:44: Und du kannst gehen.

00:41:46: Du darfst gehen.

00:41:48: Das ist so wertvoll.

00:41:50: Vom Atemzug wurde vorhin gesprochen.

00:41:52: Und dann

00:41:54: ging er.

00:41:56: Und stell dir mal vor, du könntest ihm heute noch begegnen.

00:41:58: Was würdest du ihm sagen?

00:42:00: Ich würde ihm

00:42:03: Danke sagen.

00:42:05: Danke für

00:42:07: das, was ich von ihm

00:42:09: mitbekommen habe,

00:42:11: seiner handwerklichen

00:42:13: Fähigkeiten.

00:42:15: Bevor du weiter sagst,

00:42:17: dass du Danke sagst,

00:42:19: wir haben nicht gesagt, wie dein Papa heißt.

00:42:21: Günther.

00:42:23: Ich kenne meinen Schwiegervater nicht.

00:42:25: Ich habe ihn nicht kennengelernt.

00:42:27: Und trotzdem kenne ich ihn.

00:42:30: Aus so vielen Erzählungen,

00:42:32: aus so vielen Bildern,

00:42:34: aus so vielen Geschichten

00:42:36: meiner Schwiegermutter,

00:42:38: die mir

00:42:40: bei den vielen, vielen Arztbesuchen,

00:42:42: weil ich war diejenige, die

00:42:44: durch ihre Krebserkrankungen begleitet hat,

00:42:46: die mir bei jedem Arztbesuch

00:42:48: erzählt hat, was für ein toller Mann das war.

00:42:50: Übrigens, meine Schwiegermutter

00:42:52: hatte ein Ritual mit mir.

00:42:54: Wenn wir bei den Arztbesuchen waren

00:42:56: und anschließend zurückgefahren sind,

00:42:58: sie lebte im Sauerland,

00:43:00: waren wir Kaffee trinken

00:43:02: bei Spetzmann

00:43:04: mit fetter Torte.

00:43:06: Und ich liebte dieses Ritual.

00:43:08: Aber zurück zu deinem Papa.

00:43:10: Was würdest du ihn fragen, den Günther?

00:43:12: Ich würde ihn fragen.

00:43:14: Was würdest du ihm sagen?

00:43:16: Ich würde ihn erst mal fragen,

00:43:18: wie bist du eigentlich groß geworden?

00:43:20: Wie war eigentlich deine Kindheit?

00:43:22: Was hast du in deiner Kindheit eigentlich alles erlebt?

00:43:24: Weil er ja auch relativ

00:43:26: früh

00:43:28: in den Krieg gezogen ist.

00:43:30: Der 1922 geborene Mensch,

00:43:32: der im Krieg

00:43:34: einen Durchschuss hatte

00:43:36: am Fuß

00:43:38: und ihm abgenommen wurde

00:43:40: direkt am Gelenk, unten am Fuß.

00:43:42: Der hatte auch so eine Prothese,

00:43:44: von der du gesprochen hast .

00:43:46: Und konnte damit

00:43:48: klar nicht Autofahren.

00:43:50: Der war schon sehr gehandicapt.

00:43:52: Er konnte gehen.

00:43:54: Er konnte nicht Autofahren

00:43:56: und seinen geliebten Sport machen.

00:43:58: Das ist das Interessante daran.

00:44:00: Obwohl er im Krieg

00:44:02: in dieser

00:44:04: Wehrmachtszeit

00:44:06: einen LKW-Führerschein gemacht hat

00:44:08: und das natürlich dann total krass.

00:44:10: Das heißt, er konnte fahren,

00:44:12: er konnte nicht fahren.

00:44:14: Das war natürlich ein großes

00:44:16: Handicap für meine Eltern.

00:44:18: Dass die halt nicht

00:44:20: beweglich waren.

00:44:22: Aber was wolltest du ihm sagen?

00:44:24: Also danke.

00:44:26: Auf jeden Fall danke,

00:44:28: dass ich so viel

00:44:30: von ihm lernen durfte.

00:44:32: Und danke auch

00:44:34: dafür,

00:44:36: dass er mir

00:44:38: seine

00:44:40: Kraft und vor allem seine Intuition

00:44:42: mitgegeben hat.

00:44:44: Weil er ist

00:44:46: ein sehr

00:44:48: sensibler Mensch gewesen,

00:44:50: was ich heute halt auch bin.

00:44:52: Und er hatte

00:44:54: ein sehr feines Gespür

00:44:56: für bestimmte Situationen gehabt.

00:44:58: Da würde ich jetzt nicht tiefer

00:45:00: darauf eingehen, das würde zu weit führen.

00:45:02: Aber das habe ich...

00:45:04: Mach mal eine extra Folge für.

00:45:06: Das wäre auch cool.

00:45:08: Das habe ich von ihm übernommen.

00:45:10: Das ist etwas, was ich

00:45:12: für mein Leben mitgenommen habe.

00:45:14: Dafür würde ich Danke für sagen.

00:45:16: Würdest du ihn fragen, ob er stolz auf dich ist?

00:45:18: Auf jeden Fall.

00:45:20: Weil das habe ich von ihm leider nie gehört.

00:45:22: Das weiß ich von meiner Mutter.

00:45:24: Dass er sehr stolz auf mich gewesen ist.

00:45:26: Und dass er mal irgendwann gesagt hat,

00:45:28: um den Micha brauchen wir uns keine...

00:45:30: Emotion.

00:45:32: Ich liebe sie, die Emotion.

00:45:34: Um den Micha brauchen wir uns keine Gedanken machen.

00:45:36: Der macht seinen Weg.

00:45:38: In dem Sinne,

00:45:40: und jetzt ist es ganz wichtig

00:45:42: Ohren spitzen,

00:45:44: an alle Eltern,

00:45:46: Großeltern

00:45:48: und Urgroßeltern

00:45:50: sagt euren Kindern,

00:45:52: wie stolz ihr auf sie seid.

00:45:54: Das können wir nicht genug sagen.

00:45:56: Nehmt sie in den Arm und sagt,

00:45:58: ich bin so stolz auf dich.

00:46:00: Weil das ist etwas,

00:46:02: was später fehlen wird.

00:46:04: Wenn das nicht gesagt wird.

00:46:06: Und das stärkt ein Kind ungemein.

00:46:08: Ich möchte heute

00:46:10: ein wenig anders

00:46:12: in dieser Podcastfolge enden als sonst.

00:46:14: Ich möchte mich zuerst bedanken

00:46:16: bei dir, Michael,

00:46:18: für dieses berührende

00:46:20: und emotionale Gespräch

00:46:22: über den Tod.

00:46:24: Danke, dass du geteilt hast, was dich berührt.

00:46:26: Und ich möchte Danke sagen

00:46:28: an dich,

00:46:30: der du grad zuhörst.

00:46:32: Danke,

00:46:34: dass du bis zum Schluss geblieben bist.

00:46:36: Und

00:46:38: Danke,

00:46:40: dass du

00:46:42: diese Podcastfolge ausgehalten hast.

00:46:44: In diesem Sinne

00:46:46: sage ich heute

00:46:48: Tschüss

00:46:50: und bis zur nächsten Folge.

00:46:52: Von Herzen,

00:46:54: alles Gute von mir

00:46:56: und Tschüss.

00:46:58: Bis zum nächsten.

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